Ostseeinsel Rügen

Bis vor etwa zwei Monaten war Rügen für mich nicht mehr, als der Name einer Insel irgendwo in der Ostsee. Doch dann bekam ich die Chance auf dieser Insel zu arbeiten und die Natur gemeinsam mit den Urlaubern erforschen zu dürfen. Nun gut, in Sachen Natur bin ich als Diplom-Biologin etwas vorbelastet, doch ich kann nun in jeder Hinsicht nachvollziehen, warum es so viele Menschen gibt, die von dieser Insel fasziniert sind. Zunächst überwältigte mich der fantastische Blick auf die Ostsee, der sich dem Besucher erschließt, wenn man an der Treppe am Göhrener Ortsausgang steht, welche zur Bernsteinpromenade führt. Fast mediterran erscheint die bei gutem Wetter nahezu spiegelglatte See, auf der hier und da, fast ein bisschen kitschig und wie gemalt, weiße Segelboote oder Ausflugsdampfer zu sehen sind. Steigt man dann die Treppen hinab, so verführen einen allerlei leckere Düfte zum Schmausen... denn für das leibliche Wohl wird hier wirklich gesorgt. Oftmals hab ich den Kampf mit meinem guten Gewissen verloren und mir doch ein Fischbrötchen mit frisch geräuchertem Kräuterhering gegönnt oder konnte wieder nicht an dem leckeren Schokoladen-Softeis vorbei gehen. Am unteren Treppenabsatz angekommen gabelt sich der Weg: biegt man nach links ab, so kommt man bald zu der "Kurmuschel" am Kurplatz, wo im Ambiente der alten Bäderarchitektur zahlreiche Konzerte für wirklich jeden Geschmack angeboten werden. Nach rechts führt der Weg zum Strand oder zum Nordperd. Zunächst war ich noch skeptisch, aber an der Kurmuschel wird nicht nur Klassik gespielt, sondern auch hochkarätige Pop- und Rockmusik -teils aus der Region, teils auch aus Berlin oder sogar international.

Hier wird einem besonders das Wochenende versüßt und man kann bei Bier, Wein oder einer Cola und einem frisch gegrillten Würstchen auf dem Kurplatz mitrocken und tanzen oder von der nahegelegenen Seebrücke aus den Sonnenuntergang über der Ostsee genießen. Ist es dann dunkel geworden, so wartet Göhren jedes Wochenende mit einer besonderen Spezialität auf: einem beeindruckenden mehrminütigen Feuerwerk auf der Seebrücke, dessen Funkeln und Glitzern sich in der See widerspiegelt und nicht nur Urlauber, sondern auch zahlreiche Rüganer immer wieder nach Göhren lockt.

Biegt man an der Treppe nach rechts ab, so gelangt man entweder zum feinen Sandstrand, der sich einerseits an der gesamten Bernsteinpromenade bis nach Baabe entlang zieht und sich andererseits um das Nordperd herum windet und dort in den Südstrand übergeht oder man kann in den Wald gehen und den Nordperd- Rundweg entlang der Steilufer inklusive traumhafter Aussichten genießen. Ja, tatsächlich, direkt neben dem Strand befindet sich eine erhöhte Landzunge, eine Stauch-Endmoräne aus der letzten Eiszeit, auf der es sich prächtig spazieren lässt. Liegt man unterhalb der Klippen am Strand, so bieten einem die hohen Eichen und Buchen bei Bedarf angenehm kühlen Schatten. Im Wald selbst habe ich schon mehrfach Rehe gesehen...ein merkwürdiger Anblick, wenn man gerade noch wenige Meter weiter am Strand gelegen hat.

Immer wieder eröffnet sich dort oben der Blick aufs Meer, an einem versteckten Eckchen kann man sich sogar gemütlich auf eine Bank hinter Büschen und Bäumen setzen und den unverstellten Blick in die Ferne genießen, einfach mal die Gedanken schweifen lassen und Ostseeluft schnuppern. Von hier oben kann man die Greifswalder Oie sehen oder wenn man nicht ganz so weit in die Ferne schaut, Kormorane beim Trocknen ihres Gefieders beobachten und mit Glück große Gruppen von Schwänen sehen, welche vor der Küste durchs Wasser gleiten. Ebenso wurde dort wieder einmal ein Seehund am Göhrener Nordstrand gesichtet. Auch Kegelrobben, die in den letzten hundert Jahren aufgrund ihrer starken Bejagung in dieser Gegend so gut wie ausgerottet waren, kann man vereinzelt wieder beobachten.

Für jemand Naturverliebten wie mich bieten Göhren und Umgebung ohnehin zahlreiche Überraschungen und Entdeckungen. So habe ich hier meinen ersten Laubfrosch live quaken hören, konnte zahlreiche kleine und wirklich große Ringelnattern beobachten, bin fast über Blindschleichen gestolpert und konnte endlich mal den Großen Abendsegler, die größte einheimische Fledermaus, am Abendhimmel sehen - ein wirklich beeindruckender Anblick.

Selbst der Seeadler - in Deutschland vielerorts nur noch sehr selten oder gar nicht zu beobachten - wurde von einer Kollegin, die am Göhrener Nordstrand saß, des Abends dabei entdeckt, wie er seine Runden über der Küstenlinie drehte. Besagte Kollegin wartete als Meerjungfrau Mara verkleidet am Meer um die von mir geführten Gäste zu begrüßen, welche ich im Beach Camp der AVR (Appartement-Vermietung) als verhutzelte Kräuterhexe in Empfang genommen hatte...Wir hatten uns für die Gäste nämlich eine Sagenwanderung durch den Nordperd- Wald ausgedacht, während derer wir den großen und kleinen Besuchern die Märchen und Sagengestalten der Insel Rügen näher bringen wollten. Und wir haben tatsächlich Zwerge, Feen und Irrlichte getroffen (vielen Dank noch einmal an meine hervorragend schauspielernden Kollegen (-;).

Aber zurück zur Natur: diese Insel erstaunt den aufmerksamen Besucher mit einer unglaublichen Vielfalt und Fülle von Pflanzen und Tieren, die man in dieser Komposition nur noch selten zu Gesicht bekommt. Ich bedauere es jetzt schon, dass ich im Herbst die durchziehenden Kraniche nicht mehr zu Gesicht bekommen werde, die hier dann zu Tausenden eintreffen werden.

Aber selbst wenn man nicht so naturverliebt ist wie ich, so kann man es hier doch hervorragend aushalten. Hat man Kinder dabei, so bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, denn an coolen Veranstaltungen, Musicals oder Unterhaltungsmöglichkeiten wird hier nicht gespart. Bungee-Trampolin, Riesen-Spielplatz, ein Spaßbad in Sellin oder zahlreiche kinderfreundliche Musicalaufführungen und Kinofilme im Regenbogen Camp oder ganz einfach der Strand lassen bei den Kleinen bestimmt keine Langeweile aufkommen. An den Küsten mit ihren schneeweißen Stränden und dem flachen Wasser, in dem man oft noch weit draußen stehtiefes Wasser vorfindet, bietet es sich natürlich an, das Segeln oder Surfen zu erlernen oder zu vertiefen. Für Große und Kleine dürfte auch das abwechslungsreiche Landschaftsbild Rügens beeindruckend sein. Im Norden Rügens fühlte ich mich beispielsweise am Kap Arkona an meine Heimat Ostfriesland an der Nordsee erinnert - fährt man auf dem Weg zum nördlichsten Zipfel Rügens doch durch zahlreiche Getreidefelder und die Landschaft ist flach und weit. Am Kap angekommen umtost einen bei entsprechendem Wetter der Seewind und der Blick die Klippen hinab ist wirklich beeindruckend. Dort kann man sich wirklich gut in die Zeit der Ranen hineinversetzen, die noch bis 1186 hier gelebt und ihre zahlreichen Götter verehrt haben...

Befindet man sich wiederum auf dem Mönchgut, so fasziniert mich persönlich die pittoreske Landschaft und der Anblick von Boten und Schiffen, deren obere Hälfte man erblickt, wenn man nach Moritzdorf radelt und über die Felder hinwegsieht. Fast scheint es, als würden die Boote durch die Felder gleiten...

Mag man gerne durch Wälder radeln, so empfiehlt sich eine Radtour durch die Baaber Heide...entweder gleich durch die Kiefernwälder nach Baabe oder doch vielleicht am Herzogsgrab - einem alten Hünengrab - vorbei nach Alt Reddevitz. Dort radelt man auf dem Reddevitzer Höft, eine Landzunge entlang, die mehrere Kilometer lang und teils nur 500 Meter schmal in das Meer hineinragt, vorbei an einem liebevoll restaurierten Drei-Seiten-Hof aus dem 18. Jahrhundert, flankiert von Kornfeldern und artenreichen Trockenrasen und landet schließlich an einem wunderschönen Aussichtspunkt an der Steilküste, von wo man über eine Treppe direkt an den Strand gelangen kann.

Ich könnte noch viel mehr über diese Insel erzählen: über den Lotsenturm von Thiessow, die Kreidefelsen bei Jasmund, über romantische Kutterfahrten von Seedorf in die Having hinein, über eine geheimnisvolle Entmagnetisierungsstation oder das mondäne Binz mit seiner beeindruckenden Bäderarchitektur. Doch zuviel gibt es hier noch zu entdecken, als dass man die Zeit zu lange vor einem Computer sitzen sollte. Ach kommen Sie einfach selber hierher und werden Sie ebenfalls Rügen- süchtig, wie schon so viele vor mir und lassen sie sich anstecken von dem Charme, den diese Insel ausstrahlt.

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